Wozu transdisziplinäre Forschung?

Abbildung 1 unterscheidet vier Zwecke inter- und transdisziplinärer Forschung. Die Definition der US amerikanischen Akademien der Wissenschaften unterscheidet die zwei Hauptzwecke ‹Phänomen verstehen› und ‹Problem lösen› (mehr dazu). Innerhalb beider können je zwei Unterzwecke ausgemacht werden.

 
Four purposes of inter- and transdisciplinary research
Abbildung 1: Vier Zwecke der inter- und transdisziplinären Forschung, welche zu unterschiedlichen Definitionen führen: enzyklopädisches Verstehen, holistisches Verstehen, Problemlösen und Reflection-in-action.
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Dies ist der Stand unserer Arbeit und sollte nicht als definitive Unterscheidung aller möglichen Zwecke missverstanden werden.
 
Um ein Phänomen in seiner Komplexität und Diversität zu verstehen werden Fachwissen und Sichtweisen verschiedener Disziplinen und Expert/innen aus anderen Bereichen der Gesellschaft benötigt (mehr dazu). Die Kombination der Wissenskörper ermöglicht es, ein umfassendes Verständnis zu erarbeiten, bzw. die «Symmetrie der Ignoranz» [1, p325] zu überwinden.
  • Werden zu diesem Zweck akademische Wissenskörper verschiedener Disziplinen kombiniert, so spricht das td-net von enzyklopädischem Verstehen [vgl. 2].
  • Werden wissenschaftliche und traditionelle oder lokale Wissenskörper kombiniert, so spricht das td-net von holistischem Verstehen [vgl. 3, 4] .

Um zur Lösungen gesellschaftlicher Probleme
beizutragen, die deren Komplexität und Diversität gerecht werden, wird ebenfalls Wissen aus unterschiedlichen Wissenskörpern kombiniert.
  • Werden wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Wissenskörper integriert um zu einer konkreten Problemlösung beizutragen, bzw. eine solche zu erarbeiten, so spricht das td-net vom Zweck des Problemlösens (mehr dazu) [vgl. 5, 6].
  • Dient die Integration wissenschaftlicher Wissenskörper dazu, bei der Erarbeitung von Lösungen deren Risiken und unerwünschte Nebenfolgen zu berücksichtigen, so bezeichnet das td-net den Zweck als Reflection-in-Action [vgl. 7, 8].

Die vier Zwecke stellen idealtypische Vereinfachungen dar [9]. Das heisst, dass konkrete Projekte mehrere davon verfolgen können, ohne diese scharf voneinander abzugrenzen.

Die Systematisierung der Definitionen aufgrund des Zwecks ist mit Abbildung 1 erst angestossen. Darauf aufbauend kann beispielsweise die Vielfalt der Definitionen strukturiert werden. Ergänzungen, Kritik, Korrekturen sowie Hinweise auf weitere Zwecke oder treffendere Bezeichnungen sind jederzeit höchst willkommen:
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Literaturverzeichnis
  1. Rittel, H.W.J., Second-generation design methods, in Developments in design methodology, N. Cross, Editor. 1984, Wiley: Chichester. p. 317-327.
  2. Repko, A.F., Integrating theory-based insights on the causes of suicide terrorism, in Case studies in interdisciplinary research, A.F. Repko, W.H. Newell, and R. Szostak, Editors. 2012, Sage Publications: Thousand Oaks, Calif. p. 125-157.
  3. Nicolescu, B., Methodology of transdisciplinarity – Levels of reality, logic of the included middle and complexity. Transdisciplinary Journal of Engineering & Science, 2010. 1(1): p. 19-38.
  4. Martin, D.H., Two-eyed seeing: a framework for understanding indigenous and non-indigenous approaches to indigenous health research. The Canadian journal of nursing research = Revue canadienne de recherche en sciences infirmieres, 2012. 44(2): p. 20-42.
  5. Pohl, C. and G. Hirsch Hadorn, Principles for Designing Transdisciplinary Research - proposed by the Swiss Academies of Arts and Sciences. 2007, München: oekom Verlag.
  6. Hirsch Hadorn, G., et al., eds. Handbook of Transdisciplinary Research. ed. Springer. 2008, Springer: Dordrecht. 448.
  7. Schön, D.D., The Reflective Practitioner - How Professionals Think in Action. Paperback Edition ed. 1983, Aldershot, Hunts: Ashgate.
  8. Grunwald, A., Strategic knowledge for sustainable development. The need for reflexivity and learning at the interface between science and society. International Journal of Foresight and Innovation Policy, 2004. 1: p. 150-167.
  9. Weber, M., Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, J. Winckelmann, Editor. 1973, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen. p. 146-215.
 
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